wandernd (Aufbruch aus der Parallele)

Besetzung: Violine und Violoncello

Einführung

Auf meiner Wanderung durch Galicien im Sommer 2004 erlebte ich, wie allmählich, wie "schrittweise" die Pfade einer Ebene sich in gebirgiges Land erheben; diese seltsame Mischung aus Statik (man berührt die Erde beim Laufen in, geographisch gesehen, winzigen Abständen) und dem zuzeiten atemlosen Wechsel der Bilder ging in Plan und Absehen der Komposition ein.

Musikalische Basis dieser Polarität sind einerseits (beschrieben von Hans Zender in seiner "Harmonielehre 2000") harmonische Verfahren, bei denen das Prinzip der Ringmodulation zur Generation und Verknüpfung von Klängen Anwendung findet. Die so erzeugten Klänge bleiben (zumindest in erster Instanz) "bei sich"; sie treiben die quasi-obertönige Verschmelzung der harmonischen Tonalität weiter, ohne aber deren korrelierende Gehhilfe (oder Flugvorrichtung), die simultane Umdeutbarkeit jedes "Teil"-Tons auf einen anderen Grundton, systemimmanent rückzuerstatten. - Die verwendete (von Zender empfohlene) mikrotonale Skala entspringt dem Kompromiß zwischen Spektrum und transponibler Struktur.

Andererseits: Auf temperierter Basis gelingt Oktaven (und Quinten) bekanntlich eine (beinahe) reine Verschmelzung; geht man bis zur Vierteltönigkeit, tritt mit dem 11. Oberton bereits innerhalb der ersten vier Oktaven ein "tiefalteriert"-reiner Tritonus hinzu. Solche Verschmelzung ist aber im gegebenen Kontext nur unter klanglich reduzierten bis starren Umständen zu haben. So versuche ich, sie zwar anzudeuten, doch - klangreicher - hinauszuzögern. Für dies An- und Umdeuten wiederum erweist sich das temperierte System mit seiner so beweglichen Verweisstruktur als geeignet. Es dient dem Fortgang, während der Bezug aufs Spektrale das Verharren, den ausgedehnten Moment zeichnet.

Und doch, und wiederum: es gibt keine festen Grenzen...

(Lü, Der Wanderer, ist das 56. Hexagramm des I Ging.)


Copyright 2004 Lydia Weißgerber
Letzte Aktualisierung: 28.02.2005