empfangend

Besetzung: 7 Chorsolisten, Oboe, Streichquartett, Harfe, Klavier, 2 Schlagzeuger und Zuspielband
UA Dresden, 11/2004, Musikhochschule Dresden

nach einem Text von Franz Kafka

Einführung

Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar. (Franz Kafka)

Der Sog dieses Textes, in dem sich das Irisierende komplementär zum Logisch-Argumentativen der Struktur verstärkt; der unauffällige Anarchismus jenes doppelten "scheinbar", das nicht - wie die darin angedeutete doppelte Verneinung - zum festen Gegenstand zurückführt... - für mich bewundertes Vorbild und Ausdruck einer Befindlichkeit ineins; Anlaß also, nach musikalischen Formen zu suchen, die dem nahekommen.
"Ein lebendiges Wesen", so der Physiker Hans-Dieter Dürr, "hat die Kraft der Ordnung, da es sich in eine instabile Lage begibt, die Resonanz ermöglicht." Tonhöhen bzw. Klang-Rhythmen, die sich einer genauen Lokalisierbarkeit entziehen (auch der gestischen etwa des Glissandos), beweisen einerseits Stärke: sie können Verschiedenstes, das ihnen "von außen" zufällt, binden und ihrem Leben integrieren. Andererseits sind sie proportional zur Stärke ihrer Resonanz in steigendem Maße gefährdet, darin unterzugehen.
Was dabei Vordergrund, also Reiz von außen ist und was Hintergrund, läßt sich nicht kategorisch trennen - beide arbeiten mit dem gleichen musikalischen Material.
So versuchen die Instrumentalisten in mehreren aufeinander folgenden Verfahren, einen labilen - "empfänglichen" - Klangraum aufzubauen. Dann tritt der Solistenchor hinzu, zunächst fast unbegleitet, und unternimmt fortan, auf der Basis jener musikalischen Modelle, die er beim ersten Auftreten vorstellte, individuelle Versuche, sich dem Klang der "begleitenden" Instrumente anzunähern. Diesen Wechsel von Vordergrund (der Chor tritt zunächst als ein Neues, Fremdes ins musikalische Geschehen ein) und Hintergrund (er zieht sich bis hinter die Klänge der Instrumente zurück) illustriert auch die wechselnde Position der Sänger. Anfangs stehen sie als geschlossene Gruppe auf der Bühne, am Ende aber umringen sie das Publikum, selbst zum Raum der Wahrnehmung geworden.
Das elektronische Zuspiel variiert diesen Gedanken eine weiteres Mal: Als einfachste Schwingungen sind die verwendeten Sinustöne im Spektrum jedes komplexen Klanges enthalten. Lockert sich der instrumentale Kontext, kann man sie heraushören (wegen der Phasenüberlagerung teils ausgestattet mit einem durchaus "eigeninstrumentalen" Charakter), oft aber verschmelzen sie völlig mit dem Instrumentalklang.

(Kun (yin), Das Empfangende, ist das 2. Hexagramm des I Ging.)





Copyright 2004 Lydia Weißgerber
Letzte Aktualisierung: 28.02.2005