einwirkend

(Die Schwingung verlängern)

für 4 Klaviere, 2005

Ausgangspunkt ist der perkussive Klavierklang mit seinen Resonanzeigenschaften – seine extrem reduzierte Gegenwart (Anschlag) und das lang hinausgezögerte, quasi stationäre Verklingen. Diese Situation übertragen die vier Klaviere auf eine strukturelle bzw. formale Ebene. Die Vibration der Saite, „unterm Mikroskop“ gehört, wird zur metrischen Impulsfolge einer Tonhöhe. So besteht der erste Teil der Komposition aus 3 x vier zentraltönigen Komplexen, in denen jedes Klavier seine eigenen Strukturformen und Attribute hat (z.B. agiert das IV. Klavier in Mixturen der hohen Lage und verwendet zusätzlich einen Schlägel für einzelne Saiten).
Zunächst gibt das I. seine „Schwingungsform“ an das versetzt beginnende IV. Klavier weiter, das sie mit seinen eigenen Möglichkeiten fortsetzt. Völlig identisch ist nur der entsprechende metrische Zentralton, den, freier, auch die beiden anderen Klaviere paraphrasieren. Für die 2. und 3. Variante dieser Komplexe vergrößert sich die Distanz zwischen dem Einsatz der jeweiligen beiden metrisch bestimmten Klaviere (III/II, dann IV/III); die gemeinsame Schwingung wird loser, aber ausgedehnter.
Es geht also eigentlich um den verlängerten Impuls… - diese Absicht mit dem Wort „einwirkend“ zu umschreiben meint, sie aktiv zu formulieren, die passive Klangeigenschaft in veränderbare Konstellationen umzuwandeln. Solches adaptierende Verwandeln ist entsprechend auch das wichtigste Verfahren der Bezugnahme in meinem Stück: Bereits Formuliertes in anderem Milieu (wegen der unterschiedlichen Eigenschaften der vier Klaviere) zu wiederholen, erfordert oft erhebliche Veränderungen, wenn es nicht der Gestus ist, sondern eben der „metrische Zentralton“, der weiter- oder wieder klingen soll.
In den wechselnden Soli des zweiten Teils gerät der metrische Puls in die Nähe zur Spielfigur (Repetitionen, Triller); die Einsatzabstände der Klaviere verkürzen sich proportional und führen schließlich zum Einklang.
Der dritte Teil (tutti) nutzt einen Ausschnitt aus der gleichen Proportionsfolge, um - wiederum verändert - die zentraltönigen Regionen des 1. Teils zu überlagern und auch zeitlich zu bündeln. Dabei verliert der jeweilige Zentralton das Regelmaß der Impulse; seine Einsätze verkürzen sich rapide. - Dem schließt sich eine Passage unterschiedlich kombinierter, den Klavieren aber fest zugeordneter Gestalten an. Sie sollen - improvisatorisch - fortschreitend vereinfacht werden. Am Ende gelingt den beiden letzten wichtigen Zentraltöne (ais und gis) ganz kurz eine mehrschichtige Verbindung auf unterschiedlichem strukturellem Niveau. Happyend! Oder schon wieder bloß ein Nachlauschen? Was heißt bloß?

(Hiën, Die Einwirkung / Die Werbung, ist das 31. Hexagramm des I Ging.)




Copyright 2005 Lydia Weißgerber
Letzte Aktualisierung: 10.06.2005