Zur Sprache bringen (2010)

für Sopran (Mezzosopran), Bariton und 3 Megaphone

Einführung

Zwei Texte liegen der Komposition zugrunde, der lateinische gesungen vom Sopran,
der deutsche vom Bariton:

Johann Peter Hebel: Hymne

Ich schwimm' im elementarischen Meer
Zehntausend Millionen Nächte tief,
Zehntausend, rechts und links und schief
Zuck' ich im ewigen Nichts umher
In deiner Aberwesenei,
Du, dem's nie tönet: Werde!
Wo bin ich?
Wo schwimmt das Stäubchen Weltgebäu?
Und wo der Staubpunkt Erde?

Psalm 19,2-4

Coeli narrant gloriam Dei
et pora manuum eius annuntiat firmamentum.
Dies diei eructat verbum
et nox nocti indicat scientiam.
Non sunt loquelae necque sermones
quorum non audiantur voces eorum.

(Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
und die Feste verkündigt Seiner Hände Werk.
Ein Tag sagt's dem andern,
und eine Nacht tut's kund der anderen
ohne Sprache und ohne Worte;
unhörbar ist ihre Stimme.)

Hebels ekstatischer Text läßt sich kaum mit dem übrigen, eher beschaulichen Werk des Dichters in Einklang bringen. Er schrieb ihn nach einem Spaziergang, der ihm ein tief bewegendes Natur- und Gotteserlebnis gewährte.
Eine Gemeinsamkeit der "Hymne" mit dem 19. Psalm besteht darin, daß beide den Lobpreis Gottes über die Grenzen begrifflichen Verstehens (und damit über das ureigene Darstellungsmedium der Texte selbst, die Sprache) hinausheben. Sei es im Sinne der pfingstlich anmutenden "Zungenrede" Hebels ("Aberwesenei"); sei es im wortlosen Verkündigen der Schöpfung als Dasein, das der Psalmist besingt.

Insofern ist "zur Sprache bringen" ein leicht provokanter Titel, denn indem das Stück das Anliegen der Dichtung ins zeitliche Nacheinander überträgt, bewegt es sich ausgehend von einer textdominierten musikalischen Form (Psalmodie) hin zu Strukturen, die immer mehr von klanglichen Assoziationen bestimmt werden. Parallel dazu ändern auch die Megaphone ihren Charakter: weg vom bloßen Hilfsgerät hin zum Musikinstrument (auch ein Megaphon ist ein Geschöpf Gottes...)

Die Komposition ist dem Duo vocal experimental gewidmet.



Copyright 2010 Lydia Weißgerber
Letzte Aktualisierung: 18.02.2014