Laudatio für Lydia Weißgerber anläßlich des Förderpreises des SMB

von Meret Forster

„Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“ – oder eine Laudatio halten. Als im Januar bekannt wurde, dass Lydia Weißgerber der diesjährige Förderpreis des Sächsischen Musikbundes zugesprochen wurde, habe ich mich gefreut. Als im Februar dann das Telefon bei mir im Büro klingelte und ich gefragt wurde, ob ich bereit wäre, eine Laudatio zu halten, habe ich gezögert. Denn bis zu diesem Zeitpunkt waren mir der Name und auch einige Stücke von Lydia Weißgerber zwar bekannt, aber eine persönliche Begegnung, ein intensiver Austausch hatte noch nicht stattgefunden.

Nun gehört die präludierende Einstimmung zu den ältesten Formen der Kommunikation, nicht nur bei der Vermittlung von Musik. Einer Anekdote oder einem Joke gelingt es oft, den Graben zwischen Publikum und Bühne zuzuschütten. Es tut mir leid, Ihnen im Fall von Lydia Weißgerber keine derartige Brücke bauen zu können. Es ist einfach keine Nähkästchen-Liebenswürdigkeit zu eruieren, etwa eine Geschichte aus Kinder- oder Studententagen, nichts Schräges, Humoristisches, Neckisches. Man kann sich auch fragen, ob eine Lobrede auf Lydia Weißgerber ausgehend von alten Vertraulichkeiten nicht ohnehin eine Zumutung gewesen wäre. Deshalb möchte ich das Lob zunächst an den Sächsischen Musikbund richten, der mit der Auszeichnung an Lydia Weißgerber einmal mehr bewiesen hat, dass er zu mutigen Entscheidungen abseits eines marktschreierischen Betriebes bereit ist, indem er die Arbeit und Weiterentwicklung solch einer jungen Komponistin würdigt und unterstützt.

Lydia Weißgerber hat einigen Stücken Partizipien als Titel gegeben: wie „wiederkehrend“, „empfangend“ oder „wandernd“. Diese Überschriften sind meist durch Untertitel ergänzt, Untertitel, die auf Details des kompositorischen Vorgehens verweisen: etwa: „wandernd. Aufbruch aus der Parallele“. Diese poetische und zugleich analytische Dimension eines Stücktitels ist charakteristisch für Lydia Weißgerber und ein Zeichen dafür, dass sie ihre Suche nach formaler Strenge nicht versteckt. Im Klavierstück „wiederkehrend“ verzichtet die Komponistin darauf, pianistische Virtuosität auszustellen. Stattdessen öffnet sie den Blick auf eine durchdachte, aber nicht belehrende Studie über Tonhöhen und Tonorte, die stellenweise leicht verspielt wirkt. Ein weiteres hervorstechendes Charakteristikum von „wiederkehrend“ ist ein penibel organisiertes Netz von zentralen, dynamisch stark hervortretenden Tönen, um die sich Akkordstrukturen auskristallisieren. Diese Art von Studiencharakter assoziiert fast ein Exerzitium, wie die Jury protokollierte, eine intensive Auseinandersetzung über ein selbst gewähltes geistiges Problem.

Anknüpfend an Lydia Weißgerbers Partizipien-Vorliebe möchte ich versuchen, „annähernd“ zu laudieren.

I.

Verpasste Begegnung Bei den Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik im vergangenen Herbst hatte ich mich mit Lydia Weißgerber verabredet. Vorausgegangen waren einige kurze Telefonate und E-Mails rein informativen Charakters. Es war Lydia Weißgerber, die den Kontakt aufnahm. Als neue Vorsitzende des Arbeitskreises Junger Komponisten im Deutschen Komponistenverband – Landesverband Sachsen wandte sie sich an mich, nachdem ich beim Mitteldeutschen Rundfunk letztes Jahr die Redaktion Neue Musik übernommen hatte. Wir beide hatten also gewissermaßen in Vertretung unserer Funktionen einen Termin in einer Konzertpause vereinbart. Um uns unter den Besuchern im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau identifizieren zu können – ein Erkennungsmerkmal wie „lange dunkle Haare“ hätte uns wenig geholfen – sollte der unübersehbare Pressetisch der Treffpunkt sein. Trotzdem: Wir verpassten uns. Ich war im Saal aufgehalten worden und kam erst am Ende der Konzertpause zum Pressetisch. Zu spät. Lydia Weißgerber hatte Hellerau schon wieder verlassen. Was ich vorfand war ein DINA 4-Umschlag mit Infomaterial zum Arbeitskreis und vielen Grüßen. Zweifellos: Da hatte jemand eine Verabredung in der Konzertpause beim Wort genommen. Einer Rundfunkredakteurin hartnäckig nachzulaufen, schien Lydia Weißgerbers Sache nicht. Mein Fazit: Sympathisch. Obwohl ein offensives Vertreten der eigenen Interessen, ein aggressives "Selbst-Marketing" in der zeitgenössischen Musikszene schon fast üblich ist, ist Lydia Weißgerber solches Gebaren fremd.

II.

Annähernde Lektüre Nachdem die Jury im Januar Lydia Weißgerber den Förderpreis des Sächsischen Musikbundes zugesprochen hatte und ich als Laudatorin angefragt worden war, kam es erst wieder zu Telefonaten und Postverkehr zwischen Dresden und Halle/Leipzig. Ich erbat mir für die Laudatio zunächst die Zustimmung der Komponistin und dann vor allem Noten, Aufnahmen, Werknotizen. Die Homepage der Komponistin gab es Anfang Februar noch nicht, auch keinen Verlag. Ich erhielt demnach persönliche Komponistenpost: kopierte Noten, CDs, eine Kassette. Lydia Weißgerber komponiert nach wie vor mit Papier und Stift, nicht mit Notenprogramm und Computer. Ihre Handschrift ist klar, das Notenbild auch in Passagen mit Akkordballungen und dynamischer Ausdifferenzierung immer noch übersichtlich und gut lesbar. In einer senza misura-Passage gibt es sogar eine Fußnote, die darauf verweist, dass die Notenhälse hier nur wegen der besseren Lesbarkeit der Zusammenklänge da sind. Die Musik ist der Komponistin beim Schreiben also nicht nur im inneren Ohr präsent, sondern schon ganz konkret als von Instrumentalisten zu erzeugende Klangmaterie. Und noch etwas fiel mir in unterschiedlichen Stücken auf: kreisrund umkringelte Notenköpfe. Ich Notenleserin vermutete, dass die Komponistin hier innerlich bewegte Klanggebilde wünschte – polyphone Gewebe –, in denen einzelne Töne stellenweise hervortreten, um sich dann wieder ins Formgeflecht einzufügen. Ich notierte mir: Verschmelzung Gesamtklang – Individualisierung? Schließlich fand ich auf der Rückseite der kopierten „Harmonischen Studie“ Hinweise. Da gab es eine mit Bleistift notierte Zeichenerklärung des umkringelten Notenkopfs: "harmonisches Forte": so stark, dass die außerdem erklingenden Töne (annähernd wie Teiltöne) mit der umkreisten Hauptnote verschmelzen." Hinter diesem "harmonischen Forte" verbirgt sich folglich das Anliegen, dass die gekennzeichnete Note nicht im polyphonen Sinn gebraucht wird, sondern dass jener Ton in seinem akkordischen Umfeld so stark ist, dass der Rest mit ihm verschmilzt. Wenn der Akkord pianissimo gespielt werden soll, kann das harmonische Forte auch Mezzoforte sein. Die Interpreten sind aufgefordert, aus der Situation heraus zu entscheiden, wie der Einzelton tatsächlich erklingen muss, um dem intendierten Effekt nachzukommen. Die Komponistin weist mit ihrem harmonischen Forte lediglich auf eine Art Magnetfeld der gekennzeichneten Klänge hin, ein Magnetfeld, das die umgebenden Töne an sich zieht. Darüber hinaus steht dieses "harmonische Forte" auch für eine Konstante in Lydia Weißgerbers Musik: für eine Klanglichkeit ihrer Stücke, die genau durchgehört wirkt und bei aller Komplexität zunehmend mit einer individuellen Sinnlichkeit gestaltet ist. Ein Gespür für dramaturgische Unregelmäßigkeit eingeschlossen.

III.

Geglückte Begegnungen Ende März war das elole-Trio zu Gast im Leipziger Schumann-Haus beim 12. Westendkonzert des Sächsischen Musikbundes. Auf dem Programm stand unter anderem Lydia Weißgerbers Stück "wandernd" für Violine und Violoncello. Für mich war das endlich die erste live-Begegnung mit ihrer Musik und auch mit der Komponistin selbst. Der Werknotiz im Programmheft konnte man entnehmen, dass Lydia Weißgerber auf ihrer Wanderung durch Galizien im letzten Sommer zu dieser Komposition inspiriert wurde. Bei Bewältigung des letzten Abschnitts vom Jakobsweg nach Santiago de Compostela erlebte sie, wie allmählich, wie „schrittweise“ die Pfade der Ebene sich in gebirgiges Land erheben. Diese seltsame Mischung aus Statik und zuzeiten atemlosen Wechsel der Bilder beim Laufen faszinierte die Komponistin und regte sie an, diese Eindrücke musikalisch weiterzudenken. Der Untertitel „Aufbruch aus der Parallele“ bezeichnet wiederum das kompositorische Anliegen: Ringmodulierte Klänge und die das temperierte System kennzeichnende Tendenz zur Oktave werden in einem mixturalen Fortschreiten ineinander geführt. Wie sich das akustisch ereignet, konnten wir soeben nachvollziehen. Ende März beim Konzert im Schumann-Haus bat ich Lydia Weißgerber jedenfalls um ein Gespräch, um ein Treffen. Denn ich hatte weitere Fragen zu ihrem Werdegang und ihrer Musik. Vor unserem Termin wollte sie noch das Stück für vier Klaviere beenden. Schließlich haben wir uns am 1. Mai im MDR-Domizil am Leipziger Augustusplatz getroffen. Lydia Weißgerber kam mit dem Zug aus Dresden. Für sie war dieser Ausflug eine Arbeitsunterbrechung. Am Abend wollte sie noch weiter ihr Klavierstück ins Reine schreiben.



In unserem Gespräch meinte Lydia Weißgerber, dass es eigentlich nahe liegender gewesen wäre, wenn sie die Auseinandersetzung mit Sprache zum Beruf gewählt hätte. Denn in ihrem Elternhaus wurde großer Wert auf das Wort gelegt. Die Musik – Orgel- und Klavierunterricht – war sozusagen das leuchtend Andere, das man trotzdem oder gerade deshalb pflegte. Die Entscheidung, Komponistin zu werden, habe sich letztlich beim Orgelspiel ergeben. Ursprünglich wollte Lydia Weißgerber Kirchenmusik studieren, aber im Orgelunterricht gab es zunehmend Probleme mit ihren Choralvorspielen, die der Kirchengemeinde im gottesdienstlichen Rahmen nicht zuzumuten waren. Daraufhin hat sie sich entschlossen, Komponistin zu werden und die erforderlichen Stücke für die Bewerbung an der Dresdner Musikhochschule geschrieben. Parallel zum Kompositionsstudium schrieb sie sich bald auch noch für den Studiengang Musiktheorie ein. Und mittlerweile ist Lydia Weißgerber nicht nur als Komponistin, sondern auch als Textautorin in Musikzeitschriften an die Öffentlichkeit getreten. Derzeit arbeitet sie noch an einer Dissertation über die Musik ihres Lehrers Jörg Herchet.

Die theoretische Auseinandersetzung mit Musik ist für Lydia Weißgerber parallel zum Komponieren inspirierend geblieben. Die Diskrepanz zwischen Wort und Ton fasziniert sie. Text: das sind mehrere klingende Bedeutungen, Worte. Musik: das sind mehreres bedeutende Töne, Klänge. Der Versuch, musikalisch eindeutig zu sein, müsste daher zuallererst heißen: sich einlassen auf die Vieldeutigkeit der Musik. Lydia Weißgerber erzählte, dass sie gerade mit spieltheoretischen und anderen Denkmodellen nicht wissenschaftlicher Art Möglichkeiten sucht, um über Musik anders zu sprechen als man es in diskursiven Analysemethoden gelernt hat und kennt, allerdings ohne ins rein Poetische abzugleiten. Möge es ihr in der Dissertation gelingen.

Dass der diesjährige Förderpreis des Sächsischen Musikbundes mit Lydia Weißgerber an eine Komponistin und Musikwissenschaftlerin geht, die äußerst selbstkritisch sowohl mit Worten wie mit Noten ringt, ist ganz im Sinne der Förderpreis-Statuten. Dass der Förderpreis darüber hinaus an eine kreative Persönlichkeit geht, die bisher kompromisslos ihre Arbeit und Weiterentwicklung zum Kern ihrer künstlerischen Existenz gemacht hat und von erfolgheischendem Klangdesign bewusst Abstand genommen hat, ist sehr erfreulich.

Musik als Zeitkunst stellt sich, wie auch immer, in unseren Alltag, hält ihn hoffentlich für einen Augenblick fest und wandelt ihn um, so dass wir der profanen Notwendigkeit des Unterbrechens einen Moment von Entscheidung abringen können. Ist das die heimliche Sehnsucht der Musik? Lydia Weißgerber mag dem weiter nachspüren. Ich wünsche ihr alles Gute dabei.

Dresden, 28.5.2005




Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Meret Forster
Letzte Aktualisierung: 30.05.2005